Branchenstrukturen
Wertschöpfung in industriellen Netzwerken verstehen: Strukturen, Messung, Abhängigkeiten
Wie verteilt sich Wertschöpfung in industriellen Netzwerken? Definition, Datenquellen, HHI- und CR6-Berechnung sowie Konzentrationsrisiken in Deutschland.
Das Wichtigste auf einen Blick
- Wertschöpfung ist der Wert, den ein Unternehmen seinen Vorprodukten hinzufügt. Die Monopolkommission nutzt sie, um Unternehmen unterschiedlicher Branchen zu vergleichen.
- 59 Prozent der deutschen Unternehmen ab 50 tätigen Personen waren 2023 in globale Wertschöpfungsketten eingebunden.
- Der Anteil der 100 größten Unternehmen am gesamten Wertschöpfungsvolumen sank langfristig von rund 19 auf etwa 14 Prozent.
- Konzentration lässt sich mit HHI und CR6 messen, aber nur bei sauberer Abgrenzung von Markt und Wirtschaftszweig.
Wertschöpfung: Definition und Abgrenzung
Die Monopolkommission beschreibt Wertschöpfung als den Betrag, den ein Unternehmen den eingesetzten Vorprodukten hinzufügt. In der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung entspricht sie dem Produktionswert abzüglich aller Vorleistungen. Aus der Verteilungsperspektive ist sie die Summe aus Arbeitseinkommen, Unternehmens- und Vermögenseinkommen sowie Produktionsabgaben an den Staat. Diese Definition erlaubt einen branchenübergreifenden Vergleich, den Umsatz- oder Bilanzkennzahlen nicht leisten. Erläuterung der Monopolkommission zur Wertschöpfung
Wichtig ist die Abgrenzung: Die Monopolkommission betrachtet in ihrem Ranking inländische Konzerne und berücksichtigt nur Töchter mit Sitz in Deutschland. Auslandsansässige Töchter bleiben unberücksichtigt. Wer die Wertschöpfung eines Unternehmens mit volkswirtschaftlichen Bruttogrößen vergleicht, muss diese Abgrenzung beachten. Die Nettowertschöpfung des Rankings und die gesamtwirtschaftliche Wertschöpfung sind nicht ohne Weiteres gleichzusetzen.
Für die Analyse industrieller Netzwerke hat diese Definition eine praktische Konsequenz. Wertschöpfung ist keine Eigenschaft eines einzelnen Standorts, sondern entsteht in einer Kette von Veredlungsschritten. Ob ein Zulieferer seine Wertschöpfung im Inland oder im Ausland erbringt, ändert die Kennzahl, nicht aber zwingend die Funktion im Netzwerk.
Datenquellen: Was Destatis, Monopolkommission und Unternehmensberichte liefern
Die amtliche Statistik zu globalen Wertschöpfungsketten basiert auf dem Gesetz über die Statistik zu globalen Wertschöpfungsketten vom 17. Januar 2024 und wird alle drei Jahre verpflichtend durchgeführt. Befragt werden Unternehmen der Wirtschaftsabschnitte B bis N mit mindestens 50 tätigen Personen. Die aktuellen Daten decken den Berichtszeitraum 2021 bis 2023 ab. Statistik zu globalen Wertschöpfungsketten bei Destatis
Für das Berichtsjahr 2023 weist Destatis 59.127 deutsche Unternehmen mit mindestens 50 tätigen Personen aus. Davon waren 34.641 oder 59 Prozent in globale Wertschöpfungsketten eingebunden. 27.395 Unternehmen bezogen oder lieferten Waren grenzüberschreitend, 22.181 nutzten den internationalen Dienstleistungsaustausch. Diese Zahlen beschreiben die Einbindung, nicht die Verteilung der Wertschöpfung innerhalb der Ketten.
Die Monopolkommission erstellt seit 1974 ein Ranking der 100 größten Unternehmen. Maßgebliche Kenngröße ist seit 1978 die inländische Nettowertschöpfung. Der Datensatz umfasst Wertschöpfung, Geschäftsvolumina und Beschäftigtenzahlen über fünf Jahrzehnte. Ergänzend berechnet sie Wettbewerbs- und Produktivitätsmaße. Unternehmensberichte schließen die Lücke bei qualitativen Strukturen. BASF dokumentiert sein Verbundkonzept über mehrere Produktionsstufen hinweg, in dem Nebenprodukte einer Anlage als Rohstoff in anderen Betrieben dienen. BASF-Bericht 2025 zum Verbund und zur Wertschöpfungskette
Konzentrationsmessung für einen WZ-4-Steller: HHI und CR6
Für die Messung der Konzentration in einem Wirtschaftszweig sind zwei Kennzahlen üblich. Der Herfindahl-Hirschman-Index summiert die quadrierten Marktanteile. Der CR6 addiert die Marktanteile der sechs größten Anbieter. Beide Werte sagen nur etwas aus, wenn die Grundgesamtheit klar abgegrenzt ist.
Beispielrechnung mit erfundenen Zahlen
Das folgende Rechenbeispiel ist eine vereinfachte Annahme, keine Marktdaten. Angenommen, in einem WZ-4-Steller gibt es acht Unternehmen mit folgenden Umsatzanteilen: 22, 18, 14, 12, 10, 8, 8 und 8 Prozent. Daraus ergibt sich:
| Schritt | Berechnung | Ergebnis |
|---|---|---|
| Quadrierte Anteile | 484, 324, 196, 144, 100, 64, 64, 64 | Summe 1.440 |
| HHI | 1.440 | Punktwert |
| CR6 | 22 + 18 + 14 + 12 + 10 + 8 | 84 Prozent |
Der HHI von 1.440 und der CR6 von 84 Prozent beziehen sich auf ein hypothetisches Beispiel mit acht Anbietern. Was Konzentration bedeutet, hängt von der definierten Grundgesamtheit und dem Vergleichsmaßstab ab. Die sechs größten Anbieter halten zusammen 84 Prozent, das belegt für sich genommen keine Marktbeherrschung.
Der entscheidende Schritt vor jeder Rechnung ist die Definition der Grundgesamtheit. Ein Markt im wettbewerbsrechtlichen Sinne und ein Wirtschaftszweig nach WZ-Klassifikation stimmen selten überein. Ein WZ-4-Steller kann mehrere Märkte umfassen oder nur Teile eines Marktes abbilden. Wer die Monopolkommission-Daten nutzt, arbeitet mit inländischen Konzernen, nicht mit einzelnen Betrieben.
Sektorale Abhängigkeiten und außenwirtschaftliche Verflechtung
Die chemisch-pharmazeutische Industrie liefert ein Beispiel für die Verschränkung von Importabhängigkeit und Binnenverflechtung. 24 Prozent der Vorleistungen stammen aus Importen, während mehr als die Hälfte der inländischen Vorleistungen aus der Branche selbst kommt. Jeder zweite Euro des Branchenabsatzes wird im Ausland erwirtschaftet. VCI zu Vorleistungs- und Absatzstruktur der Branche
Die Zahlen zeigen zwei gegenläufige Muster. Die hohe Fertigungstiefe bedeutet, dass ein großer Teil der Vorleistungen innerhalb der Branche zirkuliert. Die Importquote von 24 Prozent bedeutet zugleich, dass rund ein Viertel der Vorleistungen vom Weltmarkt abhängt. Bei Störungen der internationalen Lieferketten wirkt dieser Anteil als Transmission. Die hohe Binnenverflechtung dämpft den Effekt, beseitigt ihn aber nicht.
Der Blick auf die Beschäftigungswirkung ergänzt das Bild. Zwischen 2021 und 2023 verlagerten rund 1.300 Unternehmen mit mindestens 50 tätigen Personen Unternehmensfunktionen ins Ausland. Dabei wurden 71.091 Stellen abgebaut und 20.270 geschaffen. Netto entspricht das einem Rückgang von 50.821 Stellen, davon entfielen 26.143 Abbaustellen auf die Produktion von Waren. Diese Zahlen messen Verlagerungen, nicht die Wertschöpfungsverteilung selbst.
Konzentrationsrisiken: Interpretation und Grenzen
Die langfristige Entwicklung der Wertschöpfungsanteile widerspricht dem verbreiteten Eindruck einer stetig zunehmenden Konzentration auf gesamtwirtschaftlicher Ebene. Die reale Wertschöpfung aller Unternehmen stieg von 1.127 Milliarden Euro im Jahr 1980 auf 2.227 Milliarden Euro im Jahr 2024. Bei den 100 größten Unternehmen stieg sie von 218 auf 309 Milliarden Euro. Ihr Anteil sank langfristig von rund 19 auf etwa 14 Prozent. Konzentrationsberichterstattung der Monopolkommission
Diese Durchschnittsbetrachtung verdeckt sektorale Unterschiede. In einzelnen Industriegruppen kann die Konzentration deutlich höher liegen als im gesamtwirtschaftlichen Mittel. Die Monopolkommission berechnet deshalb ergänzend Preisaufschläge und Arbeitsproduktivität auf Firmenebene. Zwischen 2019 und 2023 stiegen die Preise um knapp 20 Prozent und die Grenzkosten um mehr als 22 Prozent, während die Preisaufschläge um rund drei Prozent zurückgingen.
Für die Risikobewertung in Netzwerken ergeben sich daraus drei praktische Konsequenzen. Erstens: Eine hohe gesamtwirtschaftliche Streuung schließt eine hohe sektorale Konzentration nicht aus. Zweitens: Die Abhängigkeit von einzelnen Vorleistungslieferanten lässt sich nur messen, wenn die Wertschöpfungsstufe genau bestimmt ist. Drittens: Qualitative Angaben aus Unternehmensberichten ergänzen die amtlichen Zahlen dort, wo diese keine Lieferantenstruktur abbilden.
Ein Beispiel für diese Ergänzung liefert der Lieferantenkodex. DHL Group berichtet für das Geschäftsjahr 2025 Einkaufsausgaben mit akzeptiertem Lieferantenkodex von mindestens 38,2 Milliarden Euro, das entspricht 96,9 Prozent der anrechenbaren Einkaufsausgaben. 7.890 Lieferanten mit hohem Risikopotenzial wurden überprüft, am Jahresende verblieben 280 mit einem bestätigten hohen Risiko. DHL-Geschäftsbericht 2025 zum Lieferantenmanagement
Häufige Fragen
Was unterscheidet Markt und Wirtschaftszweig bei der Konzentrationsmessung?
Ein Markt umfasst alle Anbieter, die aus Sicht der Nachfrager austauschbare Produkte liefern. Ein Wirtschaftszweig nach WZ-Klassifikation gruppiert Betriebe nach ihrer Haupttätigkeit. Die Gruppen können sich überschneiden, sind aber nicht deckungsgleich. Wer Konzentration misst, muss die Abgrenzung offenlegen.
Warum sinkt der Wertschöpfungsanteil der 100 größten Unternehmen?
Die reale Wertschöpfung aller Unternehmen wuchs zwischen 1980 und 2024 stärker als die der 100 größten. Das kann an der Ausweitung des Dienstleistungssektors liegen oder an der internationalen Verlagerung von Wertschöpfungsstufen in Auslandstöchter, die das Ranking nicht erfasst. Die Daten allein begründen keine Ursache.
Sind HHI-Schwellen gesetzlich verbindlich?
Nein. Ein berechneter HHI für einen WZ-Wirtschaftszweig ist allein keine rechtliche Einordnung oder Entscheidung. Es kommt auf die Definition des relevanten Marktes und den Kontext an. Der HHI bleibt ein Indikator, kein alleiniges Entscheidungskriterium.
In diesem Leitfaden
- Nach welchen dokumentierten Kriterien werden Wertschöpfungspartner in Netzwerken ausgewählt?Dokumentierte Auswahlkriterien für Wertschöpfungspartner: Lieferantenkodex, Risikoprüfung und Kennzahlen im Vergleich der Berichte 2025 von DHL und BASF.
- Wie koordiniert BASF sein Verbundnetzwerk und welche Vor- und Nachteile sind dokumentiert?BASF-Verbund erklärt: integrierte Anlagensteuerung, Nebenprodukte als Rohstoffe, dokumentierte Vorteile und Grenzen laut Bericht 2025 im Überblick.